Der Vagusnerv beim Pferd – warum dieser „Supernerv“ für Gesundheit, Verdauung und Entzündungen so wichtig ist
Wenn dir die Gesundheit deines Pferdes am Herzen liegt und du nach ganzheitlichen Ansätzen suchst, um Erkrankungen besser zu verstehen oder die Regeneration zu unterstützen, solltest du den Vagusnerv kennen. In den letzten Jahren ist er immer stärker in den Fokus der Wissenschaft gerückt – insbesondere wegen seiner Rolle bei der Regulation des Immunsystems, chronischen Entzündungen und der Kommunikation zwischen Gehirn und Organen.
Auch beim Pferd spielt der Vagusnerv eine entscheidende Rolle. Er beeinflusst unter anderem Herz, Lunge, Verdauungstrakt und Stoffwechsel und ist damit an vielen Prozessen beteiligt, die für Gesundheit und Leistungsfähigkeit unverzichtbar sind.
Was ist der Vagusnerv?
Der Vagusnerv (Nervus vagus) ist der zehnte von insgesamt zwölf Hirnnerven. Seine Besonderheit: Er ist der einzige Hirnnerv, der den Kopf verlässt und weit in den Körper hineinzieht.
Beim Pferd entspringt er beidseits am Hirnstamm und verläuft unterhalb der Ohrmuschel, am Kehlkopf vorbei rechts und links paarig am Hals entlang. Dort bildet er gemeinsam mit dem sympathischen Grenzstrang den sogenannten Vagosympathikusstrang, der in unmittelbarer Nähe der Halsschlagader liegt. Anschließend zieht er in den Brustkorb und verzweigt sich zu zahlreichen Organen.
Seinen Namen verdankt der Vagus dem lateinischen Begriff vagari, was so viel bedeutet wie „umherwandern“. Tatsächlich erreicht er unter anderem Herz, Lunge, Speiseröhre, Magen und große Teile des Verdauungstraktes.
Das „Internet des Körpers“
Viele Experten bezeichnen den Vagusnerv als das „Internet des Körpers“. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: Über ihn werden ständig Informationen zwischen Gehirn und inneren Organen ausgetauscht.
Bemerkenswert ist dabei, dass ein Großteil seiner Fasern sensorisch arbeitet. Das bedeutet: Der Vagus leitet nicht nur Befehle vom Gehirn an die Organe weiter, sondern transportiert vor allem Informationen aus den Organen zurück zum Gehirn. Dort werden diese Signale verarbeitet und fließen in die Regulation von Herzfrequenz, Atmung, Verdauung und Immunreaktionen ein.
Andere beschreiben den Vagus daher auch als „Dirigenten des Körpers“, weil er zahlreiche lebenswichtige Funktionen miteinander koordiniert.

Welche Aufgaben übernimmt der Vagusnerv beim Pferd?
Der Vagusnerv ist der wichtigste parasympathische Nerv des Körpers. Der Parasympathikus ist der Teil des vegetativen Nervensystems, der für Regeneration, Verdauung und Erholung zuständig ist.
Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehören:
• Regulierung der Herzfrequenz und Förderung eines ruhigen Herzrhythmus
• Steuerung von Teilen der Atemwege und verschiedener Reflexe der Lunge
• Förderung der Speichelsekretion
• Förderung der Magen- und Darmbewegungen (Peristaltik)
• Förderung der Produktion von Verdauungssäften
• Unterstützung der Ausschüttung von Verdauungssekreten
• Beteiligung an Schluckvorgängen und der Funktion des Kehlkopfes
• Weiterleitung sensorischer Informationen aus den inneren Organen an das Gehirn
Gerade beim Pferd ist diese Funktion von großer Bedeutung, da eine gestörte Darmmotilität erhebliche gesundheitliche Folgen haben kann.
Gehört der Vagusnerv nur zum Parasympathikus?
Grundsätzlich wird der Vagusnerv dem Parasympathikus zugeordnet. Allerdings gibt es beim Pferd eine anatomische Besonderheit: Im Hals verläuft er gemeinsam mit dem sympathischen Grenzstrang in einer gemeinsamen Bindegewebshülle, dem sogenannten Vagosympathikusstrang.
Dadurch können einzelne sympathische Fasern gemeinsam mit vagalen Strukturen verlaufen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Vagus selbst ein sympathischer Nerv ist. Seine Hauptfunktion bleibt eindeutig parasympathisch.
Der Vagusnerv und Entzündungen – was sagt die Wissenschaft?
Besonders bedeutsam ist die Rolle des Vagusnervs bei der Regulation des Immunsystems. Forschungen der letzten Jahre zeigen, dass der Vagus an einem sogenannten cholinergen antiinflammatorischen Reflex beteiligt ist. Über diesen Mechanismus kann das Nervensystem die Aktivität bestimmter Immunzellen beeinflussen und überschießende Entzündungsreaktionen begrenzen.
Entzündungen sind grundsätzlich sinnvoll. Sie helfen dem Körper, Verletzungen zu reparieren oder Krankheitserreger zu bekämpfen. Problematisch wird es jedoch, wenn Entzündungen chronisch werden oder sich verselbstständigen.
In der Humanmedizin wird deshalb intensiv untersucht, welche Rolle der Vagus bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen spielt. Auch in der Veterinärmedizin wächst das Interesse an diesem Zusammenhang. Und wenn du meine letzten Blogs gelesen hast, wirst du festgestellt haben, dass ich mich auch immer mehr mit diesem Thema beschäftige.
Was bedeutet das für Pferde mit chronischen Erkrankungen?
Viele Pferde leiden unter chronischen Erkrankungen wie Equinem Asthma, wiederkehrenden Verdauungsproblemen oder immunvermittelten Erkrankungen. Hier spielen zahlreiche Faktoren zusammen – unter anderem Haltung, Fütterung, Umwelt, Genetik und Infektionen.
Der Vagusnerv könnte dabei ein wichtiger Vermittler zwischen Nervensystem und Immunsystem sein. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass eine verminderte vagale Aktivität mit einer gestörten Regulation von Entzündungsprozessen einhergehen kann. Gleichzeitig können anhaltende Entzündungen wiederum die Funktion des Vagus beeinträchtigen.
Dieser Zusammenhang wird als wechselseitige Beziehung verstanden: Entzündungen beeinflussen das Nervensystem – und das Nervensystem beeinflusst Entzündungen.
In Bezug auf das Equine Asthma ist jedoch wichtig zu verstehen, dass der Parasympathikus für eine Zusammenziehen der Bronchien führt. Das wirkt auf den ersten Blick
widersprüchlich: Warum sollte ein Nerv, der für Ruhe und Erholung zuständig ist, die Bronchien verengen und damit den Luftstrom begrenzen?
Die Antwort liegt in der normalen Physiologie der Atemwege.
Der Parasympathikus sorgt für die „Grundregulation“ der Bronchien
Der Vagusnerv ist der wichtigste parasympathische Nerv und innerviert auch die glatte Muskulatur der Bronchien. Er setzt an seinen Endigungen den Neurotransmitter Acetylcholin frei, der an muskarinische Rezeptoren (vor allem M3-Rezeptoren) bindet. Dadurch kommt es zu:
• einer Kontraktion der glatten Bronchialmuskulatur (Bronchokonstriktion),
• einer vermehrten Schleimproduktion in den Atemwegen,
• einer Steigerung der Durchblutung der Bronchialschleimhaut.
Warum ist das sinnvoll?
Die Atemwege müssen nicht ständig maximal geöffnet sein. In Ruhe braucht der Körper deutlich weniger Sauerstoff als bei Belastung. Eine leichte vagal vermittelte Verengung hat mehrere Vorteile:
1. Schutz vor Schadstoffen
Engere Bronchien und eine aktive Schleimproduktion verbessern die Filterfunktion der Atemwege. Staub, Pollen oder Mikroorganismen können im Schleim gebunden und anschließend durch die Flimmerhärchen nach außen transportiert werden.
2. Anpassung an den Sauerstoffbedarf
In Ruhe wäre eine maximale Bronchienerweiterung energetisch unnötig. Der Parasympathikus hält deshalb einen normalen Grundtonus aufrecht, während der Sympathikus bei Bedarf – etwa bei Flucht oder intensiver Bewegung – die Bronchien erweitert.
3. Regulation des Luftstroms
Die glatte Muskulatur der Bronchien ermöglicht eine feine Anpassung des Atemwegsdurchmessers. Dadurch kann die Verteilung der Luft in der Lunge reguliert werden.
Zusammenspiel von Parasympathikus und Sympathikus
Parasympathikus (über den Vagusnerv) Sympathikus
Verengt die Bronchien leicht Erweitert die Bronchien
Erhöht die Schleimsekretion Vermindert die Schleimsekretion
Aktiv in Ruhe und Erholung Aktiv bei Stress, Belastung oder Flucht
Dieses Gleichgewicht ermöglicht es dem Körper, die Atmung an die jeweilige Situation anzupassen.
Besonderheiten beim Pferd
Beim Pferd spielt der Vagusnerv eine wichtige Rolle bei der Regulation des Bronchialtonus. Gleichzeitig ist zu beachten, dass die sympathische Steuerung der Bronchien beim Pferd weniger ausgeprägt ist als beim Menschen. Die Erweiterung der Atemwege erfolgt zu einem großen Teil über zirkulierendes Adrenalin aus dem Nebennierenmark und weniger über eine direkte sympathische Nervenversorgung. Deshalb kann eine erhöhte vagale Aktivität bei empfindlichen Pferden einen vergleichsweise starken Einfluss auf den Atemwegswiderstand haben.
Hat das etwas mit Asthma beim Pferd zu tun?
Ja, möglicherweise. Bei Pferden mit Equines Asthma sind die Atemwege chronisch entzündet und reagieren überempfindlich auf Reize wie Staub, Schimmelsporen oder Allergene. In diesem Zustand kann eine verstärkte vagal vermittelte Bronchokonstriktion die Verengung der Atemwege zusätzlich verschlimmern.
Wichtig ist jedoch die Unterscheidung zwischen physiologischer Funktion und Krankheit:
• Gesund: Der Vagus reguliert den normalen Bronchialtonus und schützt die Atemwege.
• Krank: Bei einer bestehenden Entzündung oder Hyperreaktivität kann dieselbe Schutzreaktion übermäßig ausfallen und zu Husten, Atemnot oder erhöhter Schleimbildung beitragen.
Ein anschaulicher Vergleich
Man kann sich den Vagusnerv wie den Thermostat einer Heizungsanlage vorstellen: Im Normalbetrieb hält er die Bronchien in einem ausgewogenen Zustand und aktiviert Schutzmechanismen. Ist die „Anlage“ jedoch bereits gestört – etwa durch eine chronische Entzündung –, kann dieselbe Regelung dazu beitragen, dass die Bronchien stärker verengt werden als für die jeweilige Situation günstig ist. Die Ursache ist dann nicht der Vagus allein, sondern das Zusammenspiel mit den zugrunde liegenden Veränderungen der Atemwege.
Ein Praxisbeispiel
Ich erinnere mich an ein beeindruckendes Pferd mit enormem Bewegungspotenzial, das aufgrund chronischer Atemwegsprobleme kaum noch geritten werden konnte. Auffällig war nicht nur die eingeschränkte Atmung, sondern auch eine starke muskuläre Spannung im Rücken sowie eine ausgeprägte Stressreaktion in alltäglichen Situationen.
Natürlich haben Erkrankungen wie Asthma vielfältige Ursachen. Schimmelbelastung, Staub, Infektionen oder Umweltfaktoren spielen häufig eine wesentliche Rolle. Dennoch zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass das vegetative Nervensystem – und damit auch der Vagusnerv – die Reaktion des Körpers auf solche Belastungen mit beeinflussen kann.
Welche Rolle spielt die Fütterung?
Immer wieder wird diskutiert, ob bestimmte Futtermittel Entzündungsprozesse fördern oder die Funktion des Vagusnervs beeinflussen können. Hier ist jedoch Vorsicht geboten.
Für die pauschale Aussage, dass das Fressen von Stroh aufgrund seines Glutengehalts den Vagusnerv beeinträchtigt oder Entzündungen verschlimmert, gibt es derzeit keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Der tatsächliche Glutengehalt von Stroh variiert erheblich und seine gesundheitliche Bedeutung beim Pferd ist bislang nicht eindeutig geklärt.
Gesichert ist jedoch, dass das in vielen Pflanzenschutzmitteln (PSM) enthaltene Glyphosphat zu Entzündungen beträgt. U.a. fand eine Studie aus 2023 heraus, dass Glyphosat als direkter oder indirekter Aktivator von proentzündlichen Signalwegen agieren kann. In einer anderen Studie wurde ein Zusammenhang zwischen Glyphosat, oxidativem Stress und Entzündungen in verschieden Körperbereichen festgestellt.
Sicher ist ebenfalls, dass eine bedarfsgerechte Fütterung, hochwertiges Raufutter, ausreichend Bewegung sowie die Vermeidung chronischer Stressoren wichtige Bausteine für die Gesunderhaltung des Verdauungs- und Immunsystems sind und eine gute Funktion des Vagusnervs sind.
Kann man den Vagusnerv beim Pferd unterstützen?
Die Forschung untersucht derzeit verschiedene Möglichkeiten, die Aktivität des Vagusnervs positiv zu beeinflussen. Dazu gehören unter anderem nicht-invasive Stimulationsverfahren, die bereits in ersten Studien am Pferd getestet wurden. Ob und in welchem Umfang solche Ansätze künftig therapeutisch eingesetzt werden können, muss jedoch noch weiter untersucht werden.
Unabhängig davon profitieren Pferde in der Regel von Maßnahmen, die das vegetative Nervensystem insgesamt entlasten:
• möglichst stressarme Haltung
• ausreichend Sozialkontakt
• hochwertige, artgerechte Fütterung
• regelmäßige Bewegung
• Förderung der Losgelassenheit im Training
• gute Atemluft und staubarmes Management
• frühzeitige Behandlung von Entzündungen und Schmerzen
Fazit:
Der Vagusnerv ist weit mehr als nur ein weiterer Hirnnerv. Er verbindet Gehirn und innere Organe, beeinflusst Herz, Lunge und Verdauung und spielt eine wichtige Rolle in der Kommunikation zwischen Nervensystem und Immunsystem.
Gerade beim Pferd lohnt es sich, diesen „Supernerv“ im Blick zu behalten. Zwar sind viele Zusammenhänge – insbesondere im Bereich chronischer Entzündungen – noch Gegenstand aktueller Forschung, doch schon heute zeigt sich: Ein gesundes Nervensystem, ein funktionierendes Immunsystem und eine artgerechte Haltung sind eng miteinander verknüpft.
Wer die Gesundheit seines Pferdes ganzheitlich fördern möchte, sollte den Vagusnerv daher nicht isoliert betrachten, sondern als Teil eines komplexen Netzwerks, das den gesamten Organismus miteinander verbindet.

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