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Nase vor beim Reiten

Nase vor – Wie bekommt man die Nase des Pferdes vor die Senkrechte?

Die korrekte Kopf-Hals-Haltung des Pferdes ist seit Jahrzehnten ein zentrales Thema in der Reiterei. Besonders seit der Rollkur-Debatte ist die Frage, wie die Nase des Pferdes im Verhältnis zur Senkrechten positioniert sein sollte, stärker ins Bewusstsein von Reiter:innen, Ausbilder:innen und der Öffentlichkeit gerückt.

Doch was bedeutet eigentlich „Nase vor die Senkrechte“? Warum ist es so wichtig – und wie kann man sein Pferd korrekt und gesundheitsfördernd in diese Haltung reiten?

Was bedeutet „Nase vor die Senkrechte“?

In der klassischen Reitlehre gilt: Ein korrekt in Anlehnung gehendes Pferd trägt die Nase leicht vor der Senkrechten. Dabei bleibt das Genick als höchster Punkt erhalten. Dabei bleibt das Genick als höchster Punkt erhalten. Der Hals fungiert dann als Balancierstange und trägt das Reitergewicht mit, so wie es in dem Klassiker und Muss-Lektüre für jeden Reiter und Therapeuten Buch „Der Reiter formt das Pferd“ beschrieben wird.

 

Die Nase hinter der Senkrechten – wie man es leider oft sieht – führt hingegen zu einer Verspannung im Hals, einer Einschränkung des Atemwegs und auf Dauer zu gesundheitlichen Schäden. Kurzfristig kann das auch psychischen Stress auslösen, weil das Pferd in eine Haltung gezwungen wird, die seiner Natur widerspricht.

Der Einfluss der Reitschule: Kinder, Zügel und falsche Gewohnheiten

Ein entscheidender Aspekt liegt in der Grundausbildung junger Reiter:innen. Viele Kinder lernen von Beginn an, sich über die Zügel auszubalancieren, anstatt unabhängig im Sitz zu werden.

In meinem eigenen Reitunterricht habe ich Kindern stets erlaubt, sich so lange am Sattel festzuhalten, bis sie wirklich unabhängig sitzen konnten. Denn nur so entwickelt sich ein gefühlsvolles Reiten mit den Händen.

Leider kommen viele Schüler:innen mit gegenteiliger Erfahrung: Sie haben schon früh gelernt, die Zügel als „Haltegriff“ zu benutzen. Das führt schnell dazu, dass Pferde die Nase hinter die Senkrechte nehmen – oder sich der Reiter sogar unbewusst daran gewöhnt, dass Anlehnung gleich Zug bedeutet.

Meine Pferde haben das zum Glück meist nicht „mitgemacht“. Bis auf Ausnahmen wie Hidalgo haben sie die Zügel wieder aus der Hand gezogen, anstatt sich in eine falsche Haltung drücken zu lassen.

Rollkur: Ein Wendepunkt in der Reitkultur

Die Rollkur-Debatte hat weltweit etwas bewegt.

Diese Trainingsmethode, bei der der Pferdekopf massiv hinter die Senkrechte gezogen wird, hat nicht nur für großes öffentliches Aufsehen gesorgt, sondern auch viele Reiter:innen dafür sensibilisiert, wie wichtig eine pferdegerechte Ausbildung ist.

Heute ist weitgehend bekannt: Dauerhafte Rollkur ist kontraproduktiv, gesundheitsschädlich und widerspricht den Grundsätzen der klassischen Reitkunst.

Doch was passiert, wenn ein Pferd sich von sich aus hinter die Senkrechte verkriecht – ohne dass der Reiter dies bewusst herbeiführt?

Seminarerlebnis bei Jean Bemelmans

Noch vor der großen Rollkur-Debatte besuchte ich ein Seminar mit Jean Bemelmans, dem international bekannten Dressurreiter und -trainer.

Damals hatte ich eine Reitschülerin, deren Pferd sich im Training sehr eng machte und kaum über die Senkrechte hinauszubringen war. Trotz Bemühungen mit Vorwärts-Abwärts-Reiten oder Übergängen blieb die Nase oft hinter der Senkrechten.

Bemelmans zeigte während des Seminars, wie schwierig es für viele Reiter:innen war, ihre Pferde wirklich am langen, hingegebenen Zügel zu reiten. Das Highlight: Der Abschlussritt einer Bereiterin auf einem imposanten schwarzen Trakehnerhengst, der mit wunderschönen Bewegungen frei und entspannt am hingegebenen Zügel durch die Halle schwebte.

Als ich Bemelmans von meiner Schülerin erzählte, bestätigte er mir: Ja, es ist in solchen Fällen schwierig, die Nase vor die Senkrechte zu bekommen. Aber er ermutigte mich, weiterzumachen. Sein Rat: Die Zügel aufnehmen, Anlehnung herstellen – und das Pferd dann gezielt nach vorne reiten.

Falsche Gewohnheiten in der Ausbildung

Ein Beispiel aus meinem Unterricht verdeutlicht, wie schnell falsche Muster entstehen:

Eine Reitschülerin holte ihr Pferd jedes Mal mit der Hand nach oben, sobald es sich lang machen wollte. Auf Nachfrage erklärte sie, ihre frühere Reitlehrerin hätte ihr das so beigebracht. Einen wirklichen Grund konnte sie mir nicht nennen.

Ich erklärte ihr die Bedeutung des Dehnens – nicht nur für den Bewegungsapparat, sondern auch für die Psyche des Pferdes. Das Vorwärts-Abwärts-Reiten ist unverzichtbar in der Lösungs- und Entspannungsphase jeder Einheit. Nur so kann das Pferd losgelassen, locker und gesund trainiert werden.

Ursache statt Symptom: Erkenntnisse durch Simon Cocozza

Erst durch den FEI-Trainer, Dressurreiter und Ausbilder Vicomte Simon Cocozza habe ich wirklich verstanden, warum sich manche Pferde hartnäckig hinter die Senkrechte ziehen:

Häufig liegt die Ursache in einem abgesenkten Brustkorb.

 

Das Pferd versucht, fehlende Stabilität oder Kraft durch eine enge Kopf-Hals-Haltung zu kompensieren.

Das Trainingsprogramm nach Cocozza hat sich in diesen Fällen bewährt. Statt nur an der Haltung im Genick zu arbeiten, setzt es bei der Körperbasis des Pferdes an – insbesondere bei der Mobilisierung und Kräftigung von Rücken- und Bauchmuskulatur. 

 

Dadurch lernt das Pferd, sich natürlich aufzurichten, und die Nase kommt fast von selbst wieder vor die Senkrechte.

Praktische Tipps: So reitest du die Nase vor die Senkrechte

  • Unabhängigen Sitz entwickeln - Erst wenn der Reiter ohne Zügel sicher sitzt, kann eine gefühlvolle Anlehnung entstehen.
  • Vorwärts-Abwärts-Reiten regelmäßig einbauen. Langes Dehnen fördert Losgelassenheit, Dehnung und Vertrauen.
  • Anlehnung herstellen, dann nach vorne reiten. Nicht am Zügel ziehen, sondern die Hinterhand aktivieren und die Energie nach vorne leiten.
  • Körperliche Ursachen berücksichtigen - mehr Klarheit bekommst du durch ein Röntgenbild. Wie du Rückenschmerzen erkennst, liest du in meinem Blog: 
  • Ein abgesenkter Brustkorb oder Verspannungen können die Nase hinter die Senkrechte ziehen. Hier helfen gymnastizierende Übungen. Dazu gehören auch Schenkelweichen und Vorhandwendung. 
  • Mit Geduld und Mitgefühl arbeiten. Pferde brauchen Zeit, um alte Muster zu überwinden. Ein vertrauensvolles Miteinander ist die Basis.

Mit meinem 2020 erstellten Onlinekurs bekommst du einen 30-Tagesplan sowie viele Wege aufgezeigt, um die Bauch- und Rückenmuskulatur deines Pferdes systematisch aufzubauen. Weitere Informationen über den folgenden Link: 

In diesem Kurs reite ich zum zweiten Mal ein Pferd mit massiven Rückenproblemen. Schenkelweichen gelingt noch gar nicht und die Vorhandwendungen kaum. Aber das Pferd war komplett bei mir, konnte sich loslassen und reagierte auch nicht auf das Verlassen der Halle durch das zweite Pferd. 

Fazit: Die Nase als Spiegel der Ausbildung

Die Frage, ob ein Pferd die Nase vor oder hinter der Senkrechte trägt, ist kein Detail, sondern ein Spiegelbild seiner gesamten Ausbildung.

 

• Hinter der Senkrechten bedeutet meist: Verspannung, Kompensation oder fehlerhafte Reiterhilfen.

• Vor der Senkrechten zeigt: Losgelassenheit, Balance und Vertrauen in die Hand des Reiters.

 

Ob mit Kindern, Freizeitreiter:innen oder auf Turnierniveau – die Devise bleibt: Pferdegerechtes Reiten bedeutet, die Nase vor die Senkrechte zu bringen.

 

Denn nur so bleibt das Pferd gesund, leistungsbereit und mental ausgeglichen.

 

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