Als ich zum ersten Mal auf YouTube die Werbung von James French sah, dachte ich sofort:
- Das Einführungsvideo (damals ca. 10 €, heute kostenlos) muss ich mir kaufen
- Wie macht er das, dass die Pferde ihm so freudig folgen?
- Schade, dass man etwas, das eigentlich eine Mischung aus Tierkommunikation und Spiritualität ist, als Technik bezeichnen muss, um es verkaufen zu können.
Ich habe mir dann das Einführungsvideo gekauft, das auch schon sehr ausführlich ist. Nachfolgend eine verständliche kurzgefasste Erklärung über die Trust Technique:
Die Trust Technique – Vertrauen, Achtsamkeit und Heilung in der Begegnung mit Tieren
In einer Welt, die immer schneller wird, sehnen sich viele Menschen nach echten, tiefen Verbindungen – zu sich selbst, zu anderen Menschen und zunehmend auch zu Tieren. Genau hier setzt die Trust Technique an. Sie ist keine Trainingsmethode im klassischen Sinne, kein Erziehungsprogramm und schon gar kein Manipulationswerkzeug. Vielmehr ist sie eine Einladung: eine Einladung zu Präsenz, Achtsamkeit und tiefem gegenseitigem Vertrauen zwischen Mensch und Tier.
Die Trust Technique wurde von James French aus Großbritannien entwickelt. Ihre Essenz ist einfach und gleichzeitig tiefgreifend: Wenn Menschen lernen, ihren Geist zu beruhigen und Tiere auf einer emotionalen Ebene wahrzunehmen, kann ein Raum entstehen, in dem Heilung, Entspannung und echte Verbindung möglich werden.
Was ist die Trust Technique?
Die Trust Technique – auf Deutsch oft als Vertrauenstechnik bezeichnet – basiert auf der grundlegenden Erkenntnis, dass Menschen und Tiere Gefühle teilen und austauschen. Diese Annahme mag für viele intuitiv erscheinen, ist aber in der Praxis revolutionär, denn sie widerspricht einem jahrzehntelang vorherrschenden Denken, das Tiere vor allem als zu kontrollierende oder zu trainierende Wesen betrachtet.
James French erklärt zu Beginn seiner Arbeit sehr klar:
Bevor wir etwas tun, müssen wir etwas verstehen. Und dieses Verständnis beginnt mit der Anerkennung, dass Tiere – genau wie wir – emotionale Wesen sind. Angst, Sicherheit, Ruhe, Neugier oder Stress sind keine rein menschlichen Zustände. Tiere erleben sie ebenso intensiv und reagieren darauf mit ihrem gesamten Nervensystem.
Die Trust Technique ist deshalb keine Technik im mechanischen Sinne, sondern ein innerer Zustand, den der Mensch kultiviert. Erst wenn dieser Zustand erreicht ist, verändert sich die Qualität der Interaktion mit dem Tier.
Die erste und wichtigste Grundlage: Gemeinsame Gefühle
Ein zentrales Fundament der Trust Technique ist die Erkenntnis, dass Gefühle ansteckend sind. Tiere reagieren nicht primär auf Worte oder Anweisungen, sondern auf Energie, Körpersprache und emotionale Schwingung.
Wenn wir angespannt sind, wenn unser Geist rast, wenn wir innerlich eine Agenda verfolgen, spüren Tiere das sofort. Besonders Fluchttiere wie Pferde sind Meister darin, kleinste Veränderungen im Nervensystem ihres Gegenübers wahrzunehmen. Für sie kann ein innerlich unruhiger Mensch potenziell Gefahr bedeuten.
James French betont deshalb, wie wichtig es ist, die eigene innere Verfassung ernst zu nehmen. Nicht, um perfekt zu sein, sondern um ehrlich wahrzunehmen, was gerade in uns geschieht. Erst wenn wir unsere eigenen Gefühle anerkennen, können wir die Gefühle eines Tieres wirklich respektieren.
Achtsamkeit als Schlüssel zur Verbindung
Eine der wichtigsten Komponenten der Trust Technique ist die Achtsamkeit. Dabei geht es jedoch nicht um eine bestimmte Meditationsform oder darum, still im Schneidersitz zu verharren. James French definiert Achtsamkeit auf eine sehr praktische Weise:
Achtsamkeit ist die Fähigkeit, nicht mit dem Denken beschäftigt zu sein.
Das bedeutet nicht, dass wir keine Gedanken mehr haben. Vielmehr geht es darum, sich nicht in ihnen zu verlieren. Gedanken erzeugen innere Bilder, Bewertungen, Erwartungen – und all das beeinflusst unsere emotionale Energie.
Je mehr wir gedanklich planen, analysieren oder kontrollieren wollen, desto unruhiger wird unser innerer Zustand. Diese Unruhe überträgt sich auf den Körper und letztlich auf das Tier.
Wenn wir jedoch die Lücken zwischen den Gedanken wahrnehmen – jene stillen Momente, in denen nichts gedacht wird –, sinkt unser Energielevel auf ein friedliches, ruhiges Maß. Genau in diesem Zustand fühlen sich Tiere sicher.
Wie James French Achtsamkeit vermittelt
Viele Menschen fragen sich: Muss man meditieren können, um die Trust Technique anzuwenden? Die Antwort ist eindeutig: Nein.
James French arbeitet mit einem sehr zugänglichen Modell. Er erklärt, dass der Mensch aus drei Ebenen besteht:
1. Der körperliche Teil
2. Der emotionale Teil
3. Der spirituelle Teil
Der Körper und die Emotionen stehen in direktem Zusammenhang mit unserem Denken. Gedanken lösen Gefühle aus, Gefühle erzeugen körperliche Spannungen oder Entspannung. Der spirituelle Teil hingegen wird als ein Zustand von Frieden im Geist beschrieben – ein innerer Ort jenseits von Sorgen, Erinnerungen und Zukunftsprojektionen.
Die Praxis besteht darin, sich bewusst diesem friedlichen Bereich zuzuwenden. Nicht durch Anstrengung, sondern durch Loslassen.
Präsenz statt Vergangenheit oder Zukunft
Ein häufiger Stolperstein ist unser Hang, gedanklich ständig unterwegs zu sein:
Wir denken an gestern, an das, was uns geärgert oder verletzt hat. Oder wir denken an morgen, an das, was vielleicht schiefgehen könnte.
James French beschreibt diesen Zustand als den „falschen Ort“, um mit Tieren in Kontakt zu treten. Tiere leben – mit wenigen Ausnahmen – im Hier und Jetzt. Sie können zwar lernen und erinnern, aber sie verlieren sich nicht in gedanklichen Szenarien wie wir Menschen.
Wenn wir präsent sind, wenn wir wirklich im Moment ankommen, begegnen wir Tieren auf ihrer Ebene. Unsere Geschwindigkeit passt sich ihrer an. Unsere Energie wird weich, offen und berechenbar.
Das Gehirn und das Vorstellungsnetzwerk
Ein hilfreiches Bild liefert der Neurowissenschaftler Mark Robert Waldman, der nicht einzelne Hirnareale, sondern Netzwerke beschreibt. Besonders relevant ist dabei das sogenannte Default Mode Network – das Vorstellungsnetzwerk unseres Gehirns.
Dieses Netzwerk ist aktiv, wenn wir nicht bewusst fokussiert sind. Es produziert Erinnerungen, innere Dialoge und Gedankenschleifen, gespeist aus allem, was wir erlebt haben. Genau dieses Netzwerk hält uns oft in innerer Unruhe gefangen.
Wenn wir unser Denken beruhigen, wird dieses Netzwerk leiser. Wir treten aus der gedanklichen Selbstbeschäftigung heraus – und genau dort beginnt die Trust Technique.
Achtsame Betrachtung: Beobachtung und Empathie
James French spricht von „Full Regard“, also einer achtsamen, wertfreien Betrachtung des Tieres. Das bedeutet: beobachten, ohne zu bewerten. Wahrnehmen, ohne etwas verändern zu wollen.
Diese Haltung schafft Raum für Empathie, also echtes Einfühlungsvermögen. Studien zeigen, dass Achtsamkeitspraxis die Fähigkeit zur Empathie deutlich erhöht. Wir spüren intuitiv, wie es dem Tier geht, ohne es analysieren oder interpretieren zu müssen.
Empathie ist keine Schwäche – sie ist eine hochentwickelte Form von Wahrnehmung.
Warum James French nicht von „Respekt“ spricht
In der Pferdewelt hört man das Wort „Respekt“ sehr häufig. James French vermeidet diesen Begriff bewusst, weil er zu viel impliziert: Hierarchie, Dominanz, Kontrolle.
Stattdessen spricht er davon, einen Raum zu schaffen, in dem sich das Tier sicher fühlt. Einen Raum auf dem Denk- und Gefühlsebene des Tieres. In diesem Raum gibt es kein Müssen, keine Erwartung, keine Agenda.
Interessanterweise beginnen Tiere genau dann, sich freiwillig zu öffnen.
Vertrauen und Entspannung bei traumatisierten Tieren
Viele Tiere – insbesondere Pferde – bringen belastende Erfahrungen mit Menschen mit. Körperliche Schmerzen, unangenehme Behandlungen oder dauerhaftes Funktionieren-Müssen hinterlassen Spuren im Nervensystem.
Gerade Pferde mit körperlichen Einschränkungen befinden sich oft in einem dauerhaften Alarmzustand. Wenn Flucht nicht möglich ist, wird Entspannung gefährlich.
Hier setzt die Trust Technique besonders tief an. James French arbeitet so lange mit einem Tier, bis es sich in seiner Gegenwart vollständig entspannen kann – manchmal sogar einschläft. Wenn das Tier aufwacht und denselben ruhigen, präsenten Menschen wieder wahrnimmt, entsteht etwas zutiefst Heilsames: Verlässlichkeit.
Heilung als Möglichkeit, nicht als Versprechen
James French macht deutlich: Kein Mensch kann allein alles heilen. Haltung, Fütterung und täglicher Umgang spielen eine enorme Rolle. Dennoch zeigt die Trust Technique, wie viel möglich ist, wenn ein Tier sich sicher fühlt.
Viele Besitzer berichten von körperlichen Verbesserungen, emotionaler Stabilität und einer tieferen Beziehung zu ihren Tieren. Auch soziale Veränderungen sind sichtbar – etwa ein gestiegener Rang in der Herde, wie es viele Pferdehalter beobachten.
Der Traum hinter der Trust Technique
James Frenchs Vision ist groß und gleichzeitig schlicht:
Dass Tiere weltweit mit mehr Achtsamkeit betrachtet werden. Dass Menschen lernen, ihre innere Unruhe zu erkennen und Verantwortung für ihre emotionale Präsenz zu übernehmen.
Denn dort, wo Frieden im Geist entsteht, kann Vertrauen wachsen.
Und wo Vertrauen wächst, wird Heilung möglich.
Meine Schlussfolgerung und Tipp für alle Pferdeleute
Die Trust Technique ist keine Methode, die man „anwendet“. Sie ist eine Haltung, die man lebt. Sie beginnt nicht beim Tier – sie beginnt beim Menschen. Und genau darin liegt ihre transformative Kraft.
Ich hatte seinerzeit überlegt mir den Kurs zu kaufen, der mit knapp 300€ keine Unsumme für uns Pferdebesitzer darstellt. Ich hatte auch überlegt, ob ich die Ausbildung zum Trust Technique Practitioner machen soll. Aber Hidalgo hat mir einen anderen Weg gezeigt.
Empfehlen würde ich ihn aber grundsätzlich jedem Menschen, der mit Pferden arbeitet. Also nicht nur Pferdetrainern und Bereitern, sondern auch Hufschmieden, Physiotherapeuten, Osteopathen und Tierärzten. Ihr bekommt nicht nur ein viel kooperativeres Pferd, sondern ihr benötigt selbst weniger Energie und – wenn man so wie ich über die Jahre sowohl tödliche Unfälle im Umgang mit Pferden mitbekommen hat als auch selbst schon paarmal im Krankenwagen lag – es könnte sogar lebensrettend sein.
Gibt es Belege für die Wirksamkeit der Trust Technik?
Wie bei allen meinen neueren Blogs stelle die Frage nach evidenzbasierten Informationen bzw. wissenschaftlichen Studien. Für die „Trust Technique“ von James French gibt es derzeit jedoch noch keine bekannten wissenschaftlichen Studien, die direkt die Effekte dieser Methode selbst empirisch untersucht haben. Die Technik wird in Kursen, Videos und von Praktizierenden beschrieben und angewendet, aber es existieren keine peer-reviewten wissenschaftlichen Studien, die speziell ihre Wirkung, Wirksamkeit oder Mechanismen systematisch messen oder belegen. Die verfügbaren Informationen stammen überwiegend aus Praxisberichten, Beschreibungen auf Trainer-Webseiten und Erfahrungsberichten innerhalb der Community.
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