Zen und Reiten – Wie Pferde uns den Weg ins Jetzt zeigen
Vor etwa 17 Jahren lieh mir eine Reitschülerin ein Buch:
„Zen oder die Kunst, ein Pferd zu reiten“ von Fabian Wolf.
Ich las ein paar Seiten, fand die Idee und den Zusammenhang interessant – und legte es dann weg. Ich konnte damit einfach nichts anfangen. Meditation, Achtsamkeit, Zen… das waren damals abstrakte Begriffe für mich.
Viele Jahre später fand ich meinen eigenen Weg zur Meditation und lernte mehr und mehr Achtsamkeit in meinem täglichen Leben zu praktizieren. Dabei lernte ich auch mein Bewusstsein für die Sprache meiner Pferde zu öffnen. Aber so wirklich war mir nicht klar, was das alles war, bis mir ein Freund, der seit über 20 Jahren Zen praktiziert kürzlich sagte:
„Du machst doch schon längst Zen – du nennst es nur nicht so.“
Das hat mich wieder neugierig gemacht.
Was ist Zen überhaupt?
Der Psychiater und Zen-Meister Robert Waldinger, der u.a. auch Professor an der Harvard Medical School ist, beschreibt Zen mit sechs zentralen Komponenten, die erstaunlich gut auch zum Reiten passen.
1. Gemeinschaft
Wir lernen über uns selbst, indem wir mit anderen in Beziehung sind – mit Menschen und mit Pferden. Jede Begegnung ist ein Spiegel.
2. Unbeständigkeit
Alles verändert sich. Nichts ist fest. Das kann Angst machen, aber auch befreien. Wenn wir erkennen, dass alles im Fluss ist, lassen wir viele unserer inneren Geschichten los – darüber, wer wir sind oder wie etwas sein sollte. Das macht uns auch mitfühlender, denn wir verstehen, dass es anderen Menschen genauso geht.
3. Die Vier Edlen Wahrheiten
Buddhismus beginnt mit der Erkenntnis: Leben ist leidvoll oder zumindest unbefriedigend. Zen will das nicht „wegmachen“, sondern uns befähigen, mit dem Unangenehmen zu sein, ohne zusätzliches Leiden zu erschaffen.
Rückenschmerzen, eine Erkältung, ein schwieriger Ritt, ein kritischer Kommentar – wir können lernen, damit zu sein, ohne darüber eine Geschichte zu erzählen. Der Stanford Professor Fred Luskin reist durch die Welt und hält Vorträge und Workshops zu Vergebung. Er sagt, dass die Menschen einmal mit einem anderen mitfühlenden Menschen über ihren Schmerz oder Leid sprechen müssen, um es loslassen und vergeben zu können. Alles darüber hinaus ist das Schaffen einer Geschichte. Und diese Geschichte wiederum ist es, die das Leid erhält und Glück verhindert.
4. Achtsamkeit
Achtsamkeit heißt: Im jetzigen Moment sein, ohne zu urteilen.
Das kannst du jetzt sofort üben – indem du auf deinen Atem achtest, ein Geräusch in der Umgebung wahrnimmst oder einfach dein Pferd spürst.
5. Loslassen
Wir alle haben Vorlieben und Erwartungen. Doch wenn wir darauf bestehen, dass die Welt (oder unser Pferd) unseren Vorstellungen entsprechen muss, leiden wir.
Loslassen heißt nicht, alles egal zu finden – es heißt, flexibler zu werden. Vielleicht läuft dein Pferd heute anders als gewünscht. Vielleicht ist das in Ordnung. Ein alter Grundsatz in der Reiterei heißt: Nimm das an, was dein Pferd dir anbietet. Eigentlich wolltest du fliegende Galoppwechsel heute trainieren. Aber du merkst, dein Pferd ist eher schlapp. Also übst du stattdessen zum Beispiel Schulterherein im Schritt.
6. Mitgefühl
Zen schult uns darin, uns in unser eigenes Leiden hineinzufühlen – und dadurch empathischer zu werden.
Wenn dein Pferd heute beim Satteln unwillig reagiert, frag dich: „War die Reitstunde gestern vielleicht zu anstrengend? Habe ich mehr Spannung als Losgelassenheit erzeugt? War es überfordert?“ So entsteht Verbindung statt Konfrontation. Du bist achtsam statt urteilend oder gar reaktiv.
Ein kraftvolles Werkzeug dafür ist die Loving-Kindness-Meditation.
Dabei richtest du Sätze des Wohlwollens an andere – und auch an dich selbst:
„Mögest du glücklich sein. Mögest du Frieden haben.“
Das kannst du für dein Pferd tun, für einen Freund, für dich selbst – oder sogar für jemanden, mit dem du in Konflikt stehst.
Mit der Zeit verändert diese Praxis deine Haltung.
Der schlimmste Feind verliert seinen Schrecken, das Herz öffnet sich – für Menschen, Tiere und für dich selbst. Aus diesem inneren Wandel kann ein tiefes Gefühl entstehen, eins zu sein mit allem, was ist.
Diese Erfahrung von Verbundenheit ist nicht nur heilsam, sondern auch die Grundlage dafür, dass sich Reiten zu einer Form von Meditation im Sattel entwickeln kann.
Beginners Mind – der Anfängergeist
„In dem Anfänger-Geist gibt es viele Möglichkeiten, im Experten-Geist nur wenige.“
— Shunryu Suzuki
Der Anfänger-Geist, man könnte es auch als Anfängerverstand übersetzen, ist neugierig, offen, urteilsfrei. In der Pferdewelt fällt mir oft auf, wie schnell geurteilt wird. Aber wenn wir sagen: „Ich weiß nicht alles – lass mich genauer hinschauen“, dann öffnen sich neue Wege.
Eine einfache Übung (nach Prof. Ellen Langer):
Finde drei neue Dinge an deinem Pferd, die dir bisher nicht aufgefallen sind. Mach das immer wieder. So trainierst du frischen Blick und Offenheit.
Zen im Sattel
Zen lehrt Nondualität: Das Gefühl, eins zu sein – mit sich selbst, mit dem Pferd, mit dem Moment. Es lehrt Mitgefühl und Weisheit. Und auch die Fähigkeit, in uns hinein zu fühlen und mit jedem Körperteil, Muskel und Gelenk unseres Körpers achtsam zu sein. Je mehr wir das können, umso mehr können wir es beim Reiten. Und wir können dann auch mögliche Bewegungseinschränkungen des Pferdes unterm Sattel erspüren. Wenn wir das mit einem Anfängerverstand machen und neugierig bleiben, wird es immer einfacher, damit umzugehen. Wenn du merkst, das Pferd kann sich nicht so bewegen, wie du es dir wünscht. Das ist das Wunder. Der Weg, der entsteht, wenn diese Bereitschaft zu Offenheit, zum Erspüren da ist. Der Weg der Nondualität. Des Einsseins. Wo nur noch du und dein Pferd existieren. Wo die Reize der Außenwelt verschwinden und nur noch vage die Stimme des Reitlehrers zu dir durchdringt.
Und plötzlich weißt du: Dein Pferd ist dein Zen-Meister: Es ist einfach da, mit dir im jetzigen Moment. Es trägt dich, ohne deine Reitkünste zu bewerten oder darüber zu urteil oder sich mit seinen Freunden auf der Wiese darüber lustig zu machen. Es erlaubt dir, deine Erfahrungen zu machen und mit ihm präsent zu sein. Zu spüren – im hier und jetzt.
Das ist Zen auf dem Pferd:
Nicht, wie perfekt der Ritt ist, zählt. Sondern wie sehr du da bist. Zen ist kein Ziel, es ist ein Weg, ein Weg, der entsteht, wenn ihr ihn geht.
💡 Fazit:
Pferde geben uns jeden Tag die Chance, Zen zu üben – ohne Meditationskissen, ohne Tempel, ohne große Worte. Sie laden uns ein, zu spüren, loszulassen, neugierig zu sein und im Jetzt zu reiten.
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