· 

Führungsstile erkennen und verbessern

Führungsstile erkennen und verbessern

Fast jeder Mensch kommt irgendwann einmal in seinem Leben in eine Führungsposition. Manch einer sieht sich nicht so und will es auch nicht sein. Andere streben danach. Als ich mit 21 Jahren meine erste Führungsposition angeboten bekam, schlug ich sie aus, weil ich der Meinung war, dass eine Kollegin besser geeignet war. Monate später unterhielten wir uns darüber und sie sagte mir, dass sie die Position gar nicht wollte. Da war es für mich jedoch schon zu spät. Ein paar Jahre später kam ich aufgrund meiner Betriebszugehörigkeit und guten Leistungen automatisch in eine Führungsposition. Wie in der Praxis meistens der Fall, bekam ich keine Schulung. Erst durch eine Führungsposition in einer gemeinnützigen Organisation lernte ich die Frage zu stellen: "Dient mein Handeln und meine Meinung dem Zweck und Ziel unserer Organisation?" Mit anderen Worten das eigene Ego hinter dem Gesamtwohl zurückzustellen. "Leaders eat last", "Führungskräfte essen zuletzt", sagt Simon Sinek, einer der bekanntesten amerikanischen Redner und Unternehmensberater. In vielen seiner Vorträge erzählt er die Geschichte von Noah, einem Servicemitarbeiter im Hotel, dessen Leistung aufgrund verschiedener Führungsstile komplett unterschiedlich ist.

Welche Führungskraft hat dich bisher am meisten inspiriert? Was hat diese Person besonders ausgezeichnet? Und wann hast du dich in deiner Führungsrolle, sei es auf der Arbeit oder bei deiner Familie, am besten gefühlt? Welche Qualitäten haben dich am meisten motiviert?  Und welche Eigenschaften hatte der schlimmste Vorgesetzte der dir jemals begegnet ist?

 

Dr. Daniel Friedland – Autor des Buches „Leading well from within“, unterscheidet auf Basis der Forschungen und Erkenntnisse der Organisation „The Leadership Circle“ in kreative bzw. effiziente und reaktive bzw. ineffiziente Führung. Kreative Führungskräfte handeln zielorientiert und bekommen entsprechende Resultate. Sie haben eine klare Vision, die sie mit Entschlossenheit und Fokus verfolgen.  Sie führen mit Integrität und Mut, fördern Teambuilding, und betreuen und unterstützen ihre Mitarbeiter. Einfacher ausgedrückt: Sie kümmern sich. Darüber hinaus haben sie verstanden wie die Organisation funktioniert und verbessern die Produktivität ohne die Belange der Gemeinschaft aus den Augen zu verlieren. Erfolgreiche Führungskräfte haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, sie haben eine gute Selbstkontrolle und Balance, sind selbstlos und wissbegierig.

 

Dagegen haben ineffiziente und reaktive Führungskräfte Schwierigkeiten mit Stress und Selbstzweifel umzugehen. Ihr Ego ist schnell angegriffen. Sie tendieren zu verschiedenen Grundhaltungen, zum Beispiel die überzogen angepasste, gefällige und passive Haltung. Oder diese Führungskräfte schützen sich. Sie distanzieren sich und werden überheblich, zynisch, kritisch oder schweben über den Dingen. Andere neigen zu übertriebener Kontrolle und sind autokratisch. Sie haben Selbstzweifel und deshalb kämpfen sie um ihren Selbstwert – sie müssen sich behaupten. Oder sie neigen zu Perfektionismus. Diese reaktiven Führungskräfte stehen in erster Linie in ihrem eigenen Dienst im Gegensatz zu erfolgreichen Führungskräften, die einer Sache dienen, größer als sie selbst. Letztendlich entsteht durch eine kreative Führung eine Unternehmenskultur, die das beste in jedem fördert. 

Der Leadership Circle hat ca. 60.000 Unternehmen untersucht und festgestellt, dass diese zwei Führungsstile mit messbaren Ergebnissen wie z. B. Umsatz, Marktanteil, Produktivität etc. korrelieren.

 

Wenn du dir die Übersicht ansiehst, wirst du möglicherweise feststellen, dass du Eigenschaften beider Führungsstile besitzt. Wunder dich nicht, das geht den meisten Menschen so.

 

Mehr als jemals zuvor ist es jedoch wichtig, sein „Mindset“ von reaktiv auf kreativ umzustellen. Denn nur im kreativen Mindset stellen wir die richtigen Fragen, schaffen Neues, finden Lösungen und handeln zielorientiert. Aber wie geht das? Wie kann man  sein „Mindset“ so verändern, dass man auch in Stresssituationen kreativ handeln kann? Vielleicht hast du schon Situationen erlebt, wo du zwischen den zwei Zuständen hin- und herspringen konntest.  Dafür ist es hilfreich, die Funktionsweise des Gehirns zu verstehen.

 

Verstehe, wie dein Gehirn funktioniert

Dann ist es einfacher, deine Verhaltensweisen zu verstehen und anzunehmen. Der norwegische Wissenschaftler und Managementprofessor  Dr. Harald Harung hat durch Erhebungen und Untersuchungen herausgefunden, dass erfolgreiche Führungskräfte, Musiker und Athleten in der Lage sind, ihr Gehirn dann einzusetzen, wenn es gebraucht wird und zu entspannen, wenn es nicht gebraucht wird, wohingegen durchschnittliche Menschen bzw. Führungskräfte genau das Gegenteil tun.

Gehirnmodell nach Paul MacLean

Hier siehst du ein Gehirn, das sich an dem dreieinigen Gehirnmodell (Triune Brain) nach Paul MacLean orientiert und das sich von unten nach oben und von hinten nach vorne entwickelt. Das Stammhirn, auch genannt das Reptiliengehirn, kontrolliert wichtige Vorgänge im Körper und auch automatisierte Bewegungsabläufe. Das limbische System ist u.a. zuständig für soziale Bedürfnisse. Zum limbischen System gehört jedoch auch die Amygdala, die besonders empfindlich auf Angst reagiert und uns hilft, Gefahren abzuwenden. Der dritte Teil ist der höher entwickelte Teil des Gehirns, der Neocortex. Er beherbergt den präfrontalen Corterx, der über der Amydala liegt und übrigens erst im Alter von 25 voll entwickelt ist. Jetzt weißt du also auch, warum du von einem 18-jährigen nicht die gleiche emotionale Intelligenz erwarten kannst, wie von einem 26-jährigen. Wenn du in der Lage bist, deinen präfrontalen Cortex zu aktivieren, kannst du deine "Stress-Reaktion" innerhalb von Minuten quasi abschalten, u.a. weil er so dicht an der Amygdala liegt. Er ist auch der Sitz deines Willens und der Metakognition, der Fähigkeit zum Beobachter deiner Gedanken zu werden und zu entscheiden, wie bzw. ob du einem Gedanken nachgehst bzw. handelst oder nicht.

In dem folgenden Bild ist das dreieinige Gehirn als umgedrehte Pyramide mit 3 Schichten dargestellt. Die 2. und 3. Ebene beinhalten jeweils die darunterliegende Ebene. Diese wiederum passen zu einer vereinfachten Bedürfnispyramide nach Maslow. Inspiration bringt dich nach oben, dein präfrontaler Cortex wird aktiviert, du kannst kreativ arbeiten  und Probleme lösen, während Stress und Selbstzweifel zu reaktivem Verhalten führen können, je nachdem wir wir damit umgehen.

Umgang mit Stress

Wie kann man mit Stress und Selbstzweifeln besser umgehen, um sich auf das konzentrieren zu können, was wirklich wichtig ist? Tatsächlich vertrat die Wissenschaft bis vor ein paar Jahren noch die Auffassung, dass man den Stress in seinem Leben reduzieren sollte. Mittlerweile hat man jedoch erkannt, dass es im wesentlichen um die individuelle Interpretation von Stress geht, die entscheidet, ob man reaktiv oder kreativ handelt. Dabei wird zwischen den folgenden Stessreaktionen unterschieden:

  1.  Stressantwort die eine Flucht-, Kampf- oder Starrereaktion auslöst – bei manchen Menschen führt sie zum Beispiel dazu, dass sie auf immer und ewig Dinge aufschieben. Diese tritt ein, wenn wir Stress als Bedrohung erleben.
  2. Stress als Herausforderung sehen: Hier wird auch wie in (a,) dein Sympathikus aktiviert und damit mobilisierst du extra Energie. Diese Energie fühlst du und nutzt sie, um das in der jeweiligen Situation gesetzte Ziel zu erreichen.
  3. Tend and befriend response: Wenn du dich gestresst fühlst, werden jede Menge Neurotransmitter und Hormone ausgeschüttet. Dazu gehört z. B. Norephedrin und führt zu den unter (1) genannten Reaktionen. Aber es wird auch Oxytocin ausgeschüttet, ein Hormon, das dazu dient, auf andere Menschen zuzugehen, um Freundschaften zu schließen und sich um andere zu kümmern. 

Wie kann man jetzt den Schalter umlegen von der Bedrohung (1) nach der Herausforderung (2)? 

 

Jim Blaskovich, Professor und Wissenschaftler im Bereich psychologische und Gehirnwissenschaften an der Universität in Santa Barbara hat bei seinen Forschungen herausgefunden, dass das Verhältnis zwischen Ressourcen und Anforderungen dafür entscheidend ist, ob du die jeweilige Situation stressig oder als Herausforderung erlebst.

 

Wenn du jetzt nicht genug Selbstvertrauen hast oder unsicher bist, dann kann es passieren, dass du dich auf das fokussierst, was du nicht hast und das wiederum führt zu noch mehr Stress.

 

Du musst dich also selbst beobachten und überlegen, ob du es mit Stress und Selbstzweifeln oder einer Herausforderung zu tun hast. Das heißt, dass du in der Lage sein musst, dich selbst zu reflektieren, um festzustellen, was in dir passiert und warum. Und dann SEI NEUGIERIG! Stelle Fragen. Fokussiere dich dabei nicht auf das Problem, sondern auf die Lösung.

 

Bewusstsein/-heit  ist also der Schlüssel, um den Schalter von Reaktivität auf Kreativität umzulegen.

 

Dies erlangst du zum Beispiel durch Achtsamkeitstraining. Eine einfache Übung ist das "Innercise" von John Assaraf "nimm 6 um den Zyklus zu beruhigen": Dabei machst du 6 tiefe Atemzüge. Beim Einatmen sagst du dir "ich atme Ruhe ein". Beim Ausatmen sagst du dir zum Beispiel "ich atme Stress" aus. Das Ausatmen geschieht durch den Mund und zwar als würdest du durch einen Strohhalm blasen. Diese Übung hilft deinem Nervensystem vom Sympathikus zum Parasympathikus umzuschalten. 

Die hier dargelegten Erklärungsmodelle können dir helfen, dich besser zu verstehen und auch das Verhalten, deiner Mitarbeiter, Kollegen oder Schüler zu verstehen und anders damit umzugehen. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0