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Reiten mit Herz und Verstand

Als ich 42 war, dachte ich, dass ich mit meinen Reitkünsten am Ende bin. Im Reitunterricht bekam ich - egal in welcher Disziplin ich ritt - Kommentare wie "dein Leichttraben ist nicht so toll, aber ich kann dir nicht sagen, woran es liegt", oder "wenn du dein Pferd nicht rechts angaloppieren kannst, rate ich dir mal zum Chiropraktiker zu gehen". Dann bekam ich durch das tägliche Abäpfeln und Stehen in gebückter Haltung massive Probleme mit dem Kreuzdarmbeingelenk. Wenn ein Pferd unter mir stolperte fuhr mir solch ein Schmerz in den Rücken, dass ich Angst bekam in den Sattel zu steigen. Beim Blick auf meine Röntgenbilder meinte mein Hausarzt, wenn ich nichts tue, würde ich in 10 Jahren im Rollstuhl sitzen.

Ich fuhr zu dem bekannten Heilpraktiker und Chiropraktiker Jean-Claude Alix nach Solingen. Er konnte mir helfen und vor allem machte er mir klar, dass der Körper negative Botschaften hört und verinnerlicht. Deshalb heisst es auch nicht umsonst "glaube der Diagnose aber nicht der Prognose".

Dann entdeckte ich durch Zufall in einem Reitsportladen ein Buch der Britin Mary Wanless mit dem Titel "Reiten in Vollendung" - Das Praxisbuch über

Reite mit deinem Verstand = Die Wanless-Methode

Damit begann für mich eine der spannendsten Zeiten in meinem Leben. Kein Wunder, wie ich heute weiß, katapultiert es einen richtig nach vorne, wenn man Körpermuster durchbricht, die seit Jahrzehnten bestanden haben. Stichwort "Neuroplastizität". Unser Gehirn findet das nämlich super, wenn unser Körper neue Dinge lernt. Einer der Gründe warum reitende Kinder auch in der Schule gut sind.

Deinen Körper verstehen


Durch die RWYM-Methode wurde ich mir erst meiner Asymmetrien bewusst. Zum Beispiel  die Schwäche meiner linken Körperseite. Dies half mir, meine Aufmerksamkeit darauf zu richten und extra Energien zum Beispiel in meinen linken Unterschenkel zu schicken. 

Reiten mit Verstand und: Eckart Meyners

Körpermuster durchbricht auch Eckard Meyners mit seinem Aufwärmprogramm für Reiter. Und wer schon einmal auf einem seiner Seminare war, hat sicherlich gesehen, wie er das persönlich hinbekommt. Unser Körper speichert alle unverarbeiteten Gedanken, Emotionen und Erlebnisse ab. Diese können sich dann zum Beispiel als Schmerzen oder Blockaden körperlich äußern. Das muss nicht sonderlich schlimm sein und theoretisch könnten wir damit alt werden, wenn da nicht noch das Pferd wäre. Das Pferd, das wir reiten oder reiten wollen. Eckart Meyners sagt ganz klar: Wenn der Reiter aufgrund von Blockaden (z. B. im Okzipitalgelenk) nur noch 2-dimensional schwingen kann, hat das Pferd, das ja 3-dimensional schwingt, "ein Riesenproblem". Eckart Meyners war ursprünglich Professor für Bewegungslehre an der Universität Lüneburg und hatte mit Reiten und Pferden "nichts am Hut". Dann stellte er fest, dass die Reiter als einzige Sportler sich sehr wenig - wenn überhaupt - für das Reiten vorbereiten und aufwärmen. 

Auf seinen Seminaren holt er die Reiter auch vom Pferd, macht mit ihnen ein paar Übungen und die Zuschauer sehen, dass sich der Reiter sofort verbessert hat. Das schöne daran sind die Übungen selbst, die auch Bewegungsmuffeln Spaß machen. Darüber hinaus gibt es kleine Bücher, die man sich in die Handtasche stecken kann. 

Dein Pferd verstehen

Die Anatomie deines Pferdes verstehen

Hier soll es nicht um lange anatomische Ausführungen zum Exterieur deines Pferdes gehen. Genaueres hierzu kannst du u.a. in dem Buch von Gillian Higgins nachlesen und nachschauen.

Jedoch ist es von unschätzbarem Wert, wenn du ein paar grundsätzliche Dinge verstehst. Wie wir alle wissen, ist das Pferd nicht grundsätzlich dafür geschaffen, ein Reitergewicht auf seinem Rücken zu tragen. Wir müssen es entsprechend gymnastizieren. Junge Pferde müssen Muskulatur aufbauen und ältere Pferde, die nicht entsprechend geritten wurden, müssen umgeschult werden.

Nun schau dir dein Pferd an, wenn jemand es hält oder es angebunden da steht. Ist die Oberlinie - also der Bereich vom Genick bis zur Schweifrübe - länger als die untere Line (Maul - Hals - Bauch - Genitalbereich)? Ist deine Antwort ja, dann hast du es relativ leicht.

Denn das A und O beim Reiten ist dass das Pferd über den Rücken geht. Tut es das nicht, bekommt es nicht nur Kissing Spine Syndrom und/oder Oberlinien-Syndrom, sondern auch Probleme mit dem Fesselträger, den Sehnen und Gelenken. Viele Lahmheiten des Pferdes haben ihren Ursprung im Rücken oder im Kreuzdarmbeingelenk.

Erscheint dir dein Pferd unten länger als oben, spricht man von einer verkürzten Oberlinie. Viele Robustrassen wie zum Beispiel Haflinger oder Isländer aber auch manche spanische Rassen und Friesen sind so gebaut.

Hat dein Pferd eine verkürzte Oberlinie, dann ist es wichtig, es anatomisch besser zu reiten und auch den Sattel überprüfen zu lassen.

An dieser Stelle könnte man noch viel mehr anführen, wie zum Beispiel den Fesselstand und die Gliedmaßenstellung der Hinterhand. Grundsätzlich gilt: "Der Reiter formt das Pferd" - vieles kannst du nachlesen in dem Buch mit dem gleichnamigen Titel. Es wurde vor langer Zeit von zwei Tierärzten geschrieben und mit Vorworten von Klaus Balkenhol und Dr. Gert Heuschmann wieder neu vom FN-Verlag aufgelegt.

Was also tun, wenn dein Pferd ein suboptimales Exterieur hat?

Reite und trainiere mit Verstand

Grundsätzlich gilt: Es ist leichter, ein junges Pferd richtig zu trainieren, als ein schlecht gerittenes Pferd umzutrainieren.

Im Internet findet man viele Übungen im Stehen wie zum Beispiel die Dehnung zum Hüfthöcker. Eine andere findest du auf meinem youtube-Kanal joywithhorses unter Rückengymnastik für Pferde.

An der Hand und unter dem Sattel kann man Seitengänge trainieren. Das Schulterherein ist auch bekannt als Aspirin des Reitpferdes.

Für das Training unter dem Sattel gilt die Ausbildungsskala des Reitpferdes. Sie beginnt mit Takt und Losgelassenheit. Wenn diese 2 Komponenten nicht vorhanden sind, baut das Pferd auch keine Muskeln auf.

Longieren ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil in der Gymnastizierung des Pferdes. Es dient dem Muskelaufbau des noch ungerittenen Pferdes und Korrektur der "verrittenen" Pferdes. In einem Seminar zur Doppellongenarbeit zeigte uns Wilfried Gehrmann das Fallbeispiels eines Vollblüters der nach seiner Rennkarriere mit Doppellongenarbeit zum Dressurpferd umtrainiert wurde. Das Pferd war nach einem halben Jahr nicht wiederzuerkennen.

Gutes Longieren ist jedoch fast so schwierig wie gutes Reiten. Man muss sein Pferd immer im Blick und an der Hand haben und Gang und Haltung entsprechend korrigieren.

Wichtig ist, sich immer wieder zu fragen, wie kann ich reiten, dass mein Pferd mich gut tragen kann? Einen ganz leichten Weg bietet der Ansatz von Vicomte Simon Cocozza. Da dabei sehr viel Schritt geritten wird, können selbst weniger fortgeschrittene Reiter ihr Pferd damit gut gymnastizieren. Wenn du einmal festgestellt hast, wie viel kooperativer und lockerer und damit auch leichter dein Pferd zu reiten ist, dann wirst du mit Leichtigkeit zu mehr Harmonie und Freude beim Reiten finden. 

Reiten mit Herz

Du liebst Dein Pferd und du liebst Reiten? Wenn deine Antwort zu dieser Frage ja ist, dann ist dieser Absatz theoretisch schon beendet.

In unserer rationalen Welt steht jedoch der Verstand im Vordergrund und wir vergessen unser Herz.  Wann bist du das letzte Mal mit Freude im Herzen zu deinem Pferd gegangen? Freude ist die Emotion, die aus dem Herzen kommt.

Wenn dir das schwer fällt, dann sei erst einmal dankbar. Dankbar, dass es Pferde in deinem Leben gibt. Dankbar, dass du reiten kannst. Dankbar, dass die Sonne scheint und du heute ausreiten kannst. Dankbar, dass dein Pferd dich heute nicht abgebockt hat. Dankbar, dass dein Pferd dir immer wieder eine neue Herausforderung gibt und dein Leben nie langweilig ist. Dankbarkeit bringt Freude in unser Leben.

Und: Wie Ingrid Klimke so schön geschrieben hat: "Reite zu deiner Freude". Mache es zu deiner Absicht: Heute reite ich zu meiner Freude.

Reiten mit Herz und Verstand

Wie bringt man nun Herz und Verstand zusammen?

Ganz einfach: 

 

Durch die Herz-Kohärenz-Methode: Diese Übung dauert nur 3 Minuten. Wichtig ist ein ungestörter Ort.

Setze dich und schließe deine Augen. Spüre deinen Atem. Lass ihn kommen und gehen. Nun gehe mit deiner Aufmerksamkeit in dein Herz. Stelle dir vor, dein Atem fließt im Bereich deines Herzens hinein und hinten wieder heraus. Du kannst etwas tiefer und langsamer atmen, wenn du willst. Wichtig ist, dass du dich dabei wohlfühlst. Dann denke an dein Pferd, wie es dein Leben bereichert und fühle deine Liebe zu ihm. Sei bestrebt dies wirklich aus dem Herzen zu fühlen. Atme weiter in dein Herz und lasse deinen Atem hinter wieder hinaus. 

Diese Übung bringt dich mehr in deine Mitte und du bekommst eine bessere Verbindung zu deinem Pferd. Wenn du diese Übung neben deinem Pferd machst, wirst du feststellen, dass dein Pferd zu deinem Herzen kommt. 

Der Nebeneffekt für dich: Ein besserer Herzrhythmus, bessere Stressadaption und sogar positive Auswirkungen auf das Immunsystem. 

Natürlich kannst du dieses sogenannte achtsame Herzatmen auch beim Schrittreiten, beim Putzen und spazieren gehen praktizieren.