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Erkrankung der Hufrolle beim Pferd

Hufrollensyndrom Pferd

Ein Erfahrungsbericht

Ursachen und Symptome der Podotrochlose

Mein erstes Pferd kaufte ich ganz unbedarft als Quarter Mix Stute. Sie war nicht einfach im Umgang und beim Reiten, aber mit Hilfe der Tellington Methode und Änderung meiner Einstellung wurden wir  innerhalb weniger Wochen gute Freunde. Nur longieren konnte ich sie nicht, denn wenn ich im Roundpen mit ihr arbeiten wollte, kam sie auf zwei Beinen auf mich zu. Jetzt mögen viele Leser denken, das klingt ja ganz nach einem Dominanzproblem. Diese Geschichte ist 20 Jahre her. Monty Roberts’ Join up Methode wurde gerade in Deutschland bekannt. Dann wechselte ich den Stall und dort befand sich zufällig einer der damals ersten Horsemanship Trainer. Ich bat ihn, mit meiner Stute zu arbeiten. “Solche Probleme liegen immer am Menschen”, meinte er und ging mit ihr in die Halle. Meine Stute kam auch auf ihn auf zwei Beinen zu. Er gab sofort auf. Dann kam der Tag, als sie von einem anderen Schmied beschlagen wurde und lahm ging. Die Tierärztin kam, machte Beugeprobe und Röntgenbilder. Sie hatte nicht nur einen Hufrollenbefund, sondern auch Spat und ein Rückenproblem. 

In der Zwischenzeit hatte sich herausgestellt, dass meine Stute kein Quartermix sondern ein Traber war. Beobachtet man Traber im Training, so sieht das etwas erfahrene Auge, dass die grosse Mehrheit total verspannt läuft. Dies geht kurz oder lang auf die Gelenke, Sehnen und Fesselträger, einer der Gründe, warum ich in meinem Reitunterricht so großen Wert auf die Losgelassenheit lege. Aber Traber sind hart im nehmen und laufen noch lange weiter, auch mit kaputten Knochen. Viele Pferde gehen mit Podotrochlose nicht unbedingt lahm, sondern laufen nur etwas klamm, wenn die Veränderungen an beiden Vordergliedmassen stattgefunden haben. 

Beachte bitte, dass Erkrankungen der Hufrolle nicht immer auf dem Röntgenbild sichtbar sind. Es kann z. B. auch eine Reizung der Beugesehne oder eine Entzündung des Schleimbeutels sein. 

Mittlerweile weiss ich auch, dass bei einem Hufrollenbefund der sogenannte Wendungsschmerz typisch ist. Ein Tierarzt wird für die Diagnostik immer begutachten, wie das Pferd an der kurzen Longe auf hartem und weichem Boden in einem kleinen Zirkel oder sogar in einer Volte im Schritt und Trab geht.  

Fehler in der Zucht?

Ein guter Freund hatte einmal einen wunderschönen Braunen vierjährig von einer bekannten Züchterin gekauft. Er war bereits eingeritten und lies sich auch gut reiten. Nach einem halben Jahr begann er vorne zu lahmen. Die Lahmheit wurde mal besser und mal schlechter, woraufhin er geröntgt wurde. Das Ergebnis war niederschmetternd und das Pferd wurde eingeschläfert. Es ist auch lange her, damals gab es noch nicht viele Behandlungsmöglichkeiten für Hufrollensymptome, die wie man hier erfahren hat, auch schon bei jungen Pferden durch Fehler in der Zucht auftreten können. In Holland z. B. werden Hengste mit Podotrochlose nicht zur Körung zugelassen. Meistens werden Hufrollenprobleme jedoch an 7-10-jährigen Reitpferden festgestellt. Besonders betroffen sind Pferde mit einem Knick in der Achse Fessel / Huf insbesondere bei untergeschobenen Trachten und / oder einer zu langen Zehe. Auch ein dauerhaft zu enges Hufeisen wirkt nachteilig auf die Hufrolle. All diese Faktoren verursachen Stress im Bereich des Strahlbeines, und dadurch kann sich die Knochensubstanz dieses kleinen Knochens verändern. 

Es gibt aber auch ganz andere Geschichten wie diese:

Sportpferd mit Hufrollensyndrom?

Vor vielen, vielen jahren nahm ich an einem Springlehrgang in der Landes Reit- und Fahrschule Rheinland teil. Uns wurden verschiedene Pferde zugeteilt und Wilfried Gehrmann, der den Lehrgang damals leitete, erzählte ein wenig zu jedem Pferd. Ich werde den Moment nie vergessen, al ser auf einen grossen Rappen mit weisser Blesse zeigte, der eifrig und mühelos die Hindernisse überwand. Dieses Pferd hatte einen Hufrollenbefund, weshalb sich die Vorbesitzer von ihm trennten. Er "landete" in der Landes- Reit und Fahrschule als Schulpferd und trug dort die Reiter sogar durch das silberne Reitabzeichen!

Normalerweise ist ein Hufrollenbefund das Aus für ein Springpferd, da gerade im Moment des Landens nach dem Sprung unheimlich viel Belastung auf die Hufrollenkonstruktion kommt. Aber das ist eines von vielen Beispielen, wo man erkennt, dass ein Röntgenbefund noch lange ein KO-Kriterium sein muss. Dieser Wallach hatte vorne einen Spezialbeschlag, mit dem die Hufrolle und Beugesehne entlastet wurden. 

Die Hufbearbeitung und -stellung ist wirklich das A und O bei dieser Krankheit. Alle anderen Maßnahmen wie z. B. Stoßwellentherapie, Blutegel, Phytotherapie, Akupunktur, Schmerzmittel u. a. können  ergänzend eingesetzt werden. 

Aber da war doch noch etwas:

Helfen Tildren und Osphos bei Hufrollensyndrom?

Die Quarterstute einer Miteinstallerin biss eines Tages die Reitbeteiligung beim Satteln in den Arm (merke: bei Pferden mit Schmerzen in den Vorderbeinen ist der Brustmuskel extrem verspannt und die Pferde entwickeln deshalb oft einen Gurtzwang). Hier wurde erst einmal der Trainer geholt, dann der Sattel verändert, dann kam der Chiropraktiker und schließlich der Tierarzt. Der machte Röntgenbilder. Die Besitzerin erzählte mir anschließend, dass ihr Pferd mit einer Spritze, die € 450,- kosten würde, geheilt sei. 

 

Tildren und Osphos sind Medikamente die in der Humanmedizin z. B. für Osteoporose eingesetzt werden. Deshalb klingt es einleuchtend, diese Medikamente bei Hufrollensyndrom, in den Fällen, wo das Strahlbein z. B. Löcher entwickelt hat, einzusetzen. Tildren wurde jedoch in den USA schon 2012 wegen mangelnder Wirkung vom Markt genommen.

 In 2018 wurde eine 60-Tage Studie an 19 Vollblütern an der Universität von Louisiana durchgeführt. Dort kamen die Forscher zu dem Schluss, dass weder Tildren noch Osphos deutliche Wirkung auf Knochengewebe auf Struktur- oder Zellebene zeigen. Die Reitbeteiligung hat sich verabschiedet und die Quarterstute steht auf der Wiese.

Und die Moral von der Geschicht? Traue Trainer und Tierarzt nicht? Wem sonst? Irren ist menschlich, davor schützt auch kein Hochschulabschluss. Glaube der Diagnose aber nicht der Prognose, heißt es so schön. Jedes Pferd ist anders wie du hier gelesen hast. Und Pferdebesitzer leben schließlich in Hoffnung ...