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Wenn dein Kind reiten möchte

oder warum du dein Kind reiten lassen solltest, wenn es dies möchte

3 gute Gründe

Ab welchem Alter darf mein Kind reiten?

Von vielen Eltern höre ich immer wieder die Frage, ab wann ihr Kind reiten kann. Hier muss man einen großen Unterschied zwischen Reiten und Reiten lernen machen. Reiten lernen ist sehr komplex und kleinere Kinder sind damit schnell überfordert und verlieren dann die Lust. Deshalb biete ich für kleinere Kinder Ponyreiten mit spielerischen Übungen, die die Eltern mit einschließen, an. Dies gibt Sicherheit und Freude im Sattel. Darauf aufbauend kann man kleine Elemente des Reiten lernens mit der Zeit mit einfliessen lassen. Nach meiner Erfahrung reichen aber 20 Minuten im Sattel aus. Dies empfinden die Eltern oft als sehr kurz und dann sehr teuer, deshalb bitte den Artikel zu Ende lesen, denn das Erlebnis im Sattel setzt so viele Impulse, die die Kinder auch verarbeiten müssen. 

Bevor ich zu den vielen Nutzen und Freuden komme, jedoch zwei Faktoren, über die du nachdenken solltest, bevor du dein Kind zum Reiten anmeldest:

Kosten

Reiten ist teuer, sagte mir einst ein alter Freund, der mit seinem neuen Mercedes auf meinen Hof fuhr. Es war das Ende einer Reitstunde, als gerade 3 Kinder von ihren Eltern abgeholt wurden, darunter auch ein Mädchen, dessen Mutter mit dem Fahrrad kam. Sie hatte kein Auto und die Familie lebte von Hartz IV. Aber für ihre Kinder machte die Mutter (fast) alles möglich.

Teuer für mich ist ein Mittagessen in einem Fast Food Restaurant, wenn man hinterher sofort wieder Hunger hat, weil der Nährwert der Nahrung gleich null ist.

Die Moral von der Geschicht: Teuer ist relativ.

Gefahr

Beim Reiten passiert viel. Ja das stimmt und eine Unfalllversicherung ist grundsätzlich anzuraten, denn die Schulpferdehaftpflichtversichung bedeutet nicht automatisch Schmerzensgeld für den geschädigten Reitschüler.

 

Aber die Unfallstatistik wird nicht zuletzt dadurch in die Höhe getrieben, weil es noch immer viele Reiter gibt, die ohne Reitkappe reiten. Viele Unfälle geschehen auch durch Selbstüberschätzung und Achtlosigkeit. Dies ist ein Grund, weshalb Reitlehrer für den Outsider einen manchmal sehr bestimmten, rauhen Ton anschlagen (müssen) - man nennt es auch Gefahrenabwendung. Denn sehr oft gibt es Situationen, in denen der Reitschüler ohne zu überlegen, genau das tun muss, was der Reitlehrer sagt. Eine Lebensschule für Disziplin, Respekt, Fokus und Konzentration, was in unserer reizüberfluteten Welt von unschätzbarem Wert ist. Wo wir schon bei den Gründen angelangt sind, warum du dein Kind unbedingt reiten lernen lassen solltest:

1. Förderung der mentalen Bedürfnisse  und Talente

Diese Liste ist riesig und auf einige Komponenten werde ich an anderer Stelle noch einmal in mehr Detail eingehen. Konzentration und Fokus werden beim Reiten und auch schon im Umgang mit Pferden, von diesen regelrecht eingefordert.

Das Pferd spricht alle Sinne des Kindes an z. B. den Geruch - viele Kinder sagen "uh hier stinkt es", wenn sie das erste Mal in einen Pferdestall kommen. Stecken sie ihre Nase dann in das Fell eines Pferdes, stellen sie fest, Pferde stinken gar nicht, sondern riechen recht neutral (wenn sie gesund sind!).

Beim Reiten auf Asphalt ist es eine schöne Übung, dem Hufgetrappel zu lauschen und im Viertakt mitzuzählen. Der Tastsinn wird durch Streicheln des weichen, warmen Felles, Hufeauskratzen und Trensen gefördert.

Eine überragende Stellung kommt natürlich der Entwicklung des Gleichgewichtsinnes (Vestibularsinn) zu. Die Kinder lernen, sich auf dem bewegenden Pferd auszubalancieren. Dieser wird besonders bei dem freien Sitzen auf dem Pferderücken ohne Sattel geschult. Dies trägt zu der Entwicklung von bestimmten Verknüpfungen im Gehirn bei, was dann wiederum in der Schule bessere Resultate zur Folge haben kann.

2. Förderung der körperlichen Bedürfnisse

Hier soll an erster Stelle die Motorik, die Gesamtheit der vom zentralen Nervensystem kontrollierten Bewegungsvorgänge, genannt werden. Auf dem Pferd lernt das Kind durch dessen unmittelbare Reaktion, adäquat zu sitzen und zu reagieren. So würde als Extrembeispiel ein hyperaktives, ständig hin- und herrutschendes Kind das Pferd veranlassen seinerseits unruhig zu werden und anzutraben oder sogar zu buckeln. Für das Kind unangenehm und nicht zu ignorieren. Erst wenn es bereit und in der Lage ist, seine Bewegungen zu steuern, wird das Pferd ihm einen angenehmen Ritt ermöglichen. Dies beginnt schon bei kleinen Kindern ab drei Jahren, die sofort lernen müssen, sich festzuhalten und sich aufzurichten und gleichmässig auf beiden Sitzknochen zu sitzen.

Darüber hinaus wird zusätzlich zur Motorik die Koordination besonders dadurch gefördert, dass einzelne Gliedmassen unabhängig voneinander bewegt werden müssen.

"Reiten ist die gesündeste Sportart, wenn man es richtig macht", sagt Eckart Meyners, Professor für Bewegungslehre. Dazu an anderer Stelle mehr. Die körperliche Aufrichtung bewirkt dann auch eine psychische Aufrichtung wo wir bei Nr. 3 wären: 

3. Förderung der psychischen Bedürfnisse und Talente

Das Getragenwerden auf dem Pferderücken zusammen mit den Bewegungsimpulsen eines Schritt gehenden Pferdes löst eine wellenförmige Bewegung des ganzen Körpers aus und bewirkt damit eine körperliche, geistige und seelische Entspannung. Bewegungs- und Atemübungen tragen zusätzlich dazu bei. 

Das Pferd hat starken Symbolcharakter und steht für Kraft, Energie und Größe. Wenn die Kinder das Pferd führen und erstmals selbständig reiten dürfen und das Pferd kooperiert, erhalten sie eine enorme Bestätigung. Es ist gerade für die jüngeren eine schöne Erfahrung, wenn sie die Zügel selbst in die Hand nehmen dürfen, um sie in schwierigen Situationen wieder abgeben zu dürfen. Überdies ist es gerade für zurückhaltende Mädchen ein wunderbares Erlebnis, wenn sie bei einem Pony lernen, ihre Angst zu überwinden und sich mit Beharrlichkeit und Geschick durchzusetzen. 

Darüber hinaus stärken Reiten und der Umgang mit dem Pferd die Frustrationstoleranz ungemein. Die vielen angenehmen Erfahrungen und die starke Motivation durch das Pferd geben dem Kind viel Selbstvertrauen. Über Zeit entwickelt sich aus der Liebe zu Pferden meist eine Bindung zu einem bestimmten Pferd/Pony. Dadurch werden Rückschläge und Misserfolge besser verkraftet und das Durchhaltevermögen gesteigert. "Nur wer runtergefallen ist, und wieder aufgestiegen ist, ist ein richtiger Reiter", heisst es in jeder Reitschule nicht umsonst. Eine Schule für das ganze Leben ..

Freue dich also nicht nur über die Freude deines Kindes sondern über jeden investierten Euro, denn Reiten und der Umgang mit dem Pferd ist heute gewinnbringender als je zuvor, eine Investition weniger in eine Fertigkeit sondern in eine Entwicklungsförderung auf allen Ebenen und in eine Passion die durch das Leben trägt.